Aramis (Gäufelden)
Auf der Anfahrt schauen wir gleich mehrfach im Führer nach - aber nach einer viertelstündigen Fahrt über die Dörfer stehen wir tatsächlich vor einem Hotel mit angebauter Sporthalle. Wie der Name schon vermuten läßt, handelt es sich beim Aramis Sportpark nicht um ein Fitnesstudio mit angebauter Kletterhalle, sondern um eine größere Sportanlage. Geboten wird unter anderem auch Tennis, Beach-Volleyball, Squash, ein kompletter Fitnessbereich - und eben auch Freeclimbing.”Du, die haben alles dabei! Was kostet das denn dann?” Offenbar wird das Kletterangebot im Aramis hauptsächlich von ‘Schnupper-Kraxlern’ genutzt, denn unser Gegenüber an der Anmeldung ist sichtlich verdutzt angesichts unserer gefüllten Rucksäcke. Dafür kommt sofort auch die Frage nach der DAV-Mitgliedschaft, und die damit verbundene Ermäßigung erleichtert unsere Geldbeutel um angenehm niedrige 7 Euro.
Von der Theke ist der Weg zur Kletterwand relativ kurz. Die befindet sich nämlich direkt hinter der Anmeldung in einem umgebauten Squash-Court. Um dorthin zu gelangen fädeln wir uns kurzerhand zwischen den Tischen hindurch, die auf einer Empore in Hallenmitte stehen. Dort ist auch die Bistro-Theke untergebracht, deren Angebot mit manchen Restaurant mithalten kann. Diesen Verlockungen wiederstehend schließen wir die Glastüre des umfunktionierten Courts hinter uns - und kommen uns im ersten Moment vor wie im Aquarium. Dafür schottet die Glaswand den Kletterbereich aber auch recht gut von Lärmpegel und Qualmwolken des Bistros ab. Spontan müssen wir beim ersten Blick in die Runde ans Pink Power in Böblingen denken. Das sieht doch alles recht vertraut aus? Und tatsächlich, die selbe Firma hat hier wie dort den Wandel von der Squash- zur Kletterarena vollzogen.
Auch im Aramis wurden die rechte Längswand sowie die Stirnseite mit Strukturplatten versehen, die ein ordentliches Antreten und Greifen nicht nur auf an Griffen ermöglichen. In einigen Routen ist die Struktur so ausgeprägt, daß auch 5er-gewöhnte Finger ordentlichen Halt finden. Die verbleibende linke Wand ist als Boulderwand ausgebaut, also nur bis zu einer Höhe von ca. drei Metern. Überspannt wird das Ganze von einem kurzen Dach, das aber scheinbar nicht viel benutzt wird. Jedenfalls konnten wir auch nach längerem Rätseln den Sinn des fix (!) montierten Topropes nicht erkennen, das horizontal durch insgesamt drei Exen lief.
Vorstieg
Unseren Strick konnten wir gleich im Seilsack lassen - entgegen der Angabe im ‘Halls and Walls’ ist Vorstieg eher schlecht möglich. Zwar sind Laschen zum Einhängen von Exen vorhanden, aber Umlenker konnten wir keine entdecken. Theroetisch wäre es aber möglich, einen eigenen Karabiner zu verwenden. Den Aufwand will aber wohl nur treiben, wer mehrere Routen im gleichen Wandbereich begehen will. Angesichts der niedrigen Gesamthöhe von 7 Metern haben wir uns kurzerhand aufs Top-Ropen beschränkt.
Toprope
…kann auch Spaß machen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und im Falle des Aramis tun sie das. Mehrere Vorsprünge, ein Kamin und ein ordentlicher Überhang bieten Gelegenheit, sich die Finger lang zu ziehen. Vor dem Einsteigen fällt angenehm auf, daß alle Seile in gutem Zustand und vor allem ausreichend lang sind. Leider ist das ja nicht unbedingt selbstredend. Negativ fällt dafür auf, daß keine Routenbewertungen bei der Auswahl zur Verfügung stehen. Schade, denn gerade für Anfänger wäre eine solche Hilfestellung schon wünschenswert. Die werden sich dafür über die plattenähnliche Rampe an der Stirnwand freuen. Deren Neigung ist so niedrig, daß ein Erfolgserlebnis auch machbar ist, wenn ungewohnte ‘Strapse’ und zwickende Schuhe noch mehr irritieren als helfen.
Fortgeschrittene Kletterer sollten stattdessen den rechten Teil derselben Wand angehen. Dort findet sich eine Route, die nicht durch Griffe, sondern eine fortlaufende rissähnliche Struktur definiert ist. Wer alles mit einer Schraube angebrachte beiseite läßt, dürfte erstmal eine Weile beschäftigt sein - und sich über eine ungewöhnliche Routenvariante freuen.
Generell sind für jeden, der sich im Bereich zwischen fünftem und siebten Grad bewegt, ausreichend Routen vorhanden, um einen spaßigen Kletterabend zu verbringen.
Bouldern
Wie schon erwähnt ist eine Wand des ehemaligen Squash-Courts den Freunden der Absprunghöhe gewidmet. Leider ist die Umsetzung etwas halbherzig ausgefallen, denn definierte Probleme sucht man vergeblich. Stattdessen herrscht das ‘wir-schrauben-willkürlich-ein-paar-Griffe-an’ Prinzip. Zum Üben der Kraftausdauer sicherlich ausreichend, aber mehr auch nicht. Schade, denn aus so viel Fläche ließe sich sicherlich mehr machen.
Fazit
Eine große Anfahrt für einen Besuch im Aramis Sportpark wird vermutlich kaum jemand auf sich nehmen. Außer… ja außer die Familie / der Freudeskreise teilt die Leidenschaft für die vertikale Fortbewegung nicht ganz so sehr. Denn angesichts des großen Spektrums an Sportarten dürfte sich für so ziemlich jeden etwas finden, der unter Sport mehr versteht als das samstägliche Einschalten der Sportschau. In den Pausen findet sich beim Cappuccino vielleicht sogar der eine oder andere neue Fan für unsere Sportart? Von der umgekehrten Teilnahme am Beachvolleyball nach einer ausgiebigen Klettersession raten unsere Finger allerdings dringend ab.