Active Garden (Korb)
Dezember 2002.
Es ist kalt - richtig fies kalt! Und auch wenn gute Haftung am Fels eine feine Sache ist, festgefrorene Finger sind dann doch nicht so der Bringer. Aber da war doch was…? Richtig, das Active Garden hat doch umgebaut! Die Info auf der Website lockt gar mit 15 Meter-Routen - überdacht und beheizt. Genau das Richtige für die kalte Jahreszeit. Also ab ins Auto, und sich rund um Stuttgart gestaut.
Seit Oktober 2002 ist der neue Hallenteil fertig, und wo früher Badminton-Spieler ihre seltsamen Spielchen trieben, ist jetzt Klettervergnügen ohne Ende angesagt. Auf den ersten Blick könnte man zwar meinen, dass hier nur Profis Spaß haben können. Bei genauerem Hinsehen ist allerdings auch im neuen Teil des Active Garden für jeden was dabei.
Wie schon angedeutet gibt es zwei große Kletterbereiche, und für die Freunde der Verrenkungen in Absprunghöhe gibt es zusätzlich noch zwei Bouldersektionen.
Zum Einstieg was “Niedriges”…

Der ältere Kletterbereich wurde durch den Umbau nicht verändert, was aber angesichts der Qualität auch nicht weiter stört: geboten werden weiterhin Sinter, einfache wie anspruchsvolle Routen an guten Strukturplatten, und ein Dach das es in sich hat. Erfreulicherweise scheint die Routenauswahl homogener als noch im August - von einfach bis “hat mir mal wer ein bißchen Haftcreme?” kann man sich die Ringbänder beliebig belasten, nur ist halt nach ca. 8m Schluß.
Nach wie vor ist aber ein Großteil der Strukturwand nichts für Gemüter mit Platzangst. Zwischen Kletter- und Hauswand sind nämlich gerade mal ca. zwei Meter Abstand. Berücksichtigt man dann noch, dass praktisch alle Routen überhängend sind, so kann man am Routenabschluß schon fast an die gegenüberliegende Wand greifen. Wirklich unangenehm ist das speziell an einer Stelle, an der ein Hackbrett auf der Hauswand angebracht ist. Wer hier unglücklich abfliegt, macht zumindest im Toprope sehr unangenehme Bekanntschaft mit den beiden herausstehenden Holzgriffen. Abhilfe ist natürlich schnell geschafft: raus mit den Dingern, bevor man dort klettert.
…aber dann hoch hinaus!
Beim Betreten des neuen Hallenteils ist dann Kontrastprogramm angesagt. Durch die komplett weiß gehaltenen Platten wirkt der Raum noch größer, weil wesentlich heller. Im Gegensatz zum alten Teil wurden keine Strukturplatten verwendet, die Griff- und Trittmöglichkeiten definieren sich fast ausschließlich über angeschraubte Griffe. Die gesamte Kletterfläche mit Struktur zu versehen hätte aber wahrscheinlich auch den Bundesetat noch finanziell überfordert.
Auch so macht die Kraxelei in den meist mehr oder weniger überhängenden Routen tierisch Laune. Vorausgesetzt man schaut auch mal auf die Routenbewertungen, und sucht sich dem eigenen Können entsprechende aus. Im Gegensatz zu manch anderer Halle sind selbwelchige nämlich recht aussagekräftig — und auch ernst zu nehmen. Wo ne 7 drauf steht, ist dann auch eine drin. Passen aber Können und Route, dann kommt wirklich Freude auf. Mal ist mehr Technik gefragt, mal einfach Muckies, aber immer hat man das Gefühl, Route ist machbar. Besonders schön ist, dass sowohl die Profis als auch die weniger geübten hier eine Route finden können, denn von 4 bis 10 ist alles vertreten. Nur Toproper sollten einen Freund mitbringen, der ihnen das Seil hochlegt, denn in den langen Routen ist Vorstieg pur angesagt.
Abseilen oder Zwischenstand gefällig?
Neben klassischen “guck wie Du rauf kommst” Routen gibt es auch im neuen Hallenteil zwei Besonderheiten: in zwei gegenüber liegenden Ecken sind Standplätze eingerichtet! Um das Abseilen zu üben ist der beim Betreten rechte Platz ideal: ausreichend Platz für zwei bis drei Leute zum Stehen auf einem Podest in ca. 4 Metern Höhe. Routen links und rechts bieten einfachen Zustieg. Für Mehrseillängen kann man sich am zweiten Standplatz wappnen: wie am Fels findet man hier lediglich ‘Bohrhaken’ in ausreichender Menge vor, um den Nachsteiger zu sichern. Ideal also um mal zu testen, ob der neue Klettergurt irgendwo kneift…
Schreckhafte Naturen seien gewarnt: es kann durchaus passieren, dass plötzlich vor den Augen ein paar Schuhe auftaucht - egal, wo man in der Halle steht. Durch den starken Überhang liegen die Umlenker teilweise fast auf der gegenüberliegenden Hallenseite.
Und vor dem Einsteigen in die einfachen Routen im linken Hallenteil lohnt ebenfalls ein Blick nach oben. Wenn sich dort nämlich schon zwei Kletterer befinden, wird’s garantiert eng, weil die Routen doch stark überlappen.
Bouldern mit Fernbedienung
Doch nicht nur “normale” Routen sind reichlich im Angebot, auch Boulderer werden großzügig bedient. Da gibt es zunächst mal nach wie vor das alte Bouldereck auf der Empore, das mit einem kleinen Steuergerät versehen ist. Mit dessen Hilfe kann man seinen Kletterkollegen nach Auswahl eines Problems aus der Vorschlagsliste bequem vom Sofa aus durch die Wand jagen: “Folge einfach dem Licht” – bei jedem Griff ist nämlich eine LED angebracht. Erfreulicherweise finden sich hier auch einfache Boulder, so dass auch Anfänger nicht gleich frustriert aufgeben müssen.
…oder klassisch
Etwas versteckt, aber keineswegs uninteressant, ist der neue Boulderbereich. Hier gibt es keine ‘Fernbedienung’ mit LEDs, sondern klassische A3-B2-C15 Routenbeschreibungen. Eine Bewertung traue ich mir hier nicht zu, dafür haben wir zu wenig ausprobiert. Erster Eindruck: “Autsch - knackig! Laß mich noch ma probieren!” Tendenziell geht es hier aber sicher etwas härter zu als im alten Bereich.
Besonders ‘nett’: eine Boulderfläche im 45 Grad Winkel, und einer Höhe von ca. fünf Metern! Trotzdem ist die Absprunghöhe nur ungefähr ein Meter, weil der Boden ebenfalls im selben Winkel ansteigt. Dass der gesamte Bereich durch dicke Matten weiche Landungen erlaubt, ist schon fast selbstredend. Ausserdem gibt es hier wieder die Möglichkeit, sich die Routen mittels LEDs anzeigen zu lassen. Nach Wahl eines der zahlreichen Vorschläge leuchten die LEDS bei allen Griffen, so dass man sich zunächst in aller Ruhe überlegen kann, wie man das Problem angehen möchte. Dank der überwiegend guten Griffe haben durchaus auch Nichtprofis eine Chance.
Fazit
Insgesamt lohnt sich das Active Garden also nicht nur für Stuttgarter Kletterer, sondern ist durchaus auch mal eine weitere Anfahrt wert. Das sehen wohl auch viele andere Kletterer so, denn über mangelnde Auslastung kann die Crew vom Active Garden sicher nicht klagen. Kleiner Tipp: Der Reiz des Neuen sorgt dafür, dass im alten Hallenteil oft alles frei ist, während an den langen Routen Schlange gestanden wird.
Ist’s dort auch voll, dann kann man/frau ja immer noch ein wenig im Klettershop stöbern. Der ist sozusagen der ‘Werksverkauf’ vom Klettern-Magazin, und damit wohlsortiert. Oder einfach eine Apfelsaftschorle (Kaffee dehydriert!
) genießen und dabei von der Empore dem bunten Treiben zusehn.
Uns hat’s jedenfalls gefallen, und die 10er Karte ist bereits gekauft. Man sieht sich…